12.01. – 11.04.2018

Die Stille in der Leere

Anna Ullrich

Fotografie

Die Stille in der Leere

Es sind zwei Begriffe, die zum Verständnis der fotografischen Bilder von Anna Ullrich wirksam beitragen können: Der erste Begriff lautet Lost Place und ist ein Pseudoanglizismus. Er bedeutet sinngemäß vergessener oder verlorener Ort. Der korrekte Ausdruck im Englischen lautet abandoned premises – unbewohnte oder aufgegebene Liegenschaft. Der Ausdruck Lost Place wird zwar häufig gleichbedeutend mit Ruinen aus der Industriegeschichte oder nicht mehr genutzten militärischen Anlagen gebraucht. Eigentlich gilt aber die Bezeichnung für jeden Ort, der im Zusammenhang mit seiner ursprünglichen Nutzung in Vergessenheit geraten ist. Das betrifft in dieser Ausstellung die Bilder aus der Serie »Stille Kammern«.

Der zweite Begriff heißt Negativer Raum, was keinesfalls psychologisch zu verstehen ist: Es ist damit kein böser oder schlechter Raum gemeint. Im dreidimensionalen Raum – also bei Architektur und Plastik – verweist der Begriff Negativer Raum auf den Raum, der die Dinge umgibt, aber auch auf die Hohlräume in den Objekten selbst; der Negative Raum ist in diesem Kontext der Raum zwischen den Dingen im Gegensatz zur festen Materie, die Raumgrenzen definiert. An der Schwelle von Helle zu Dunkelheit vollzieht sich im sehenden Menschen eine Veränderung, die seine Raumwahrnehmung entscheidend prägt. Die Dominanz des Sehsinns wird bei zunehmender Dunkelheit von den anderen Sinnen abgelöst. Ist der Tagraum als Raum der Dinge und Distanzen zu verstehen, in dem auch der Mensch ein Ding darstellt, so ist die Beziehung Mensch-Raum im Nachtraum eine intimere und schließt die jeweilige Befindlichkeit des Menschen stärker mit ein.

Bei den Bildern der Serie Schlaf spielt der Negative Raum ebenfalls die entscheidende Rolle, allerdings mit 2 mal komplett umgedrehten Vorzeichen: Normalerweise wird der Negative Raum hell dargestellt , weil sich das abzubildende Objekt vom hellen Himmel oder von der hellen Umgebung abhebt – hier ist er dunkel. Zum zweiten aber ist dieser Raum gar kein Raum, sondern genaugenommen einfache, schwarze Fläche. Wir alle nehmen diese Fläche aber keineswegs als Fläche wahr, sondern als Dunkelheit. Und das liegt am extremen Hell-Dunkel der abgebildeten Sujets, deren Körperschatten bereits ins tiefe Schwarz hineinreichen und damit eine als natürlich empfundene Verbindung zum Umgebungsschwarz herstellen. Der provozierte Mangel an räumlichen Angaben gibt den Betten – mit ihren Benutzern – etwas Entrücktes, Schwebendes oder Taumelndes: Hier ist die Stille der Nacht in Bewegung umgesetzt; die sichtbare Hingabe an den Schlaf bekommt immer mehr etwas Träumerisches und Unwirkliches. Sieht man beim ersten Bild der Serie, dem schlafenden alten Mann noch Raum um das Bett, so ist der auf den anderen Bildern verschwunden und es scheint eine Steigerung in immer radikalere Perspektive und heftigere Bewegung der Bettdecken zu geben. Der Schlaf wird immer wilder, der Begriff der Nachtruhe immer trügerischer: Stille ist eben mehr als nur Abwesenheit von Worten und Geräuschen. Sie ist auch Raum, der klingt und der so etwas aussagt. Es gilt den Klang der Stille vom Dröhnen der Verlassenheit über die Wildheit des Schlafs bis zur leisen Erstarrung in diese Fotos zu entdecken.

Rainald Raabe

Vita

1979 / Geboren in Hamburg
1998 – 2002 / Lehre zur Goldschmiedegesellin bei Th. Blume in Listringen
2004 – 2010 / Studium der Kommunikationsgestaltung Schwerpunkt Grafikdesign
an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst / HAWK in Hildesheim
2010 / Beginn der freischaffenden künstlerischen Tätigkeit
2015 / Lehrauftrag Zeichnen an der HAWK Hildesheim
Seit 2015 Mitglied im BBK Hildesheim

Ausstellungen

Einzelausstellungen (Auswahl)

2018 / Die Stille in der Leere / himmelundhimmel Galerie München
2017 / Was bleibt / Michaeliskloster Hildesheim
2016 / Malerei und Fotografie (mit I. Ullrich) / OKS Galerie Braunschweig

Gruppenausstellungen (Auswahl)

2017 / Grenzgänge / Galerie im Stammelbach-Speicher Hildesheim
2016 / 016 / Galerie im Stammelbach-Speicher Hildesheim
2016 / Die Neuen / Galerie im Stammelbach-Speicher Hildesheim
2016 / Die Hundertste / OKS Galerie Braunschweig
2015 / Woher? Wohin! / Galerie im Stammelbach-Speicher Hildesheim
2015 / Ausstellung der Ankäufe in Hildesheim von 1983 – 2015 / Friedrich Weinhagen Stiftung Hildesheim
2013 / Paarungen / Galerie im Stammelbach-Speicher Hildesheim
2012 / Fünf / OKS Galerie Braunschweig
2012 / Wandlungen – Abbilder & Metamorphosen / Kloster Mariensee Neustadt Rbge
2010 / Schriftblick / GIM Galerie im Medienhafen Bremen
2009 / Fundus / Kloster Mariensee Neustadt Rbge

Ankäufe und Sammlungen

Ankäufe für private und öffentliche Sammlungen durch das Dommuseum Hildesheim, die Friedrich Weinhagen Stiftung Hildesheim, den Landschaftsverband Hildesheim. Auszeichnung durch den Bürgerpreis der Friedrich Weinhagen Stiftung (2016 & 2017) sowie den Kunstpreis der Sparkasse Hildesheim (2017).

Links

http://annaullrich.art/

Bildnachweis

Schlaf 01, 2017, 50 x 70 cm, Foto: Anna Ullrich
Schlaf 03, 2017, 50 x 70 cm, Foto: Anna Ullrich
Schlaf 04, 2017, 50 x 70 cm, Foto: Anna Ullrich
Schlaf 05, 2017, 50 x 70 cm, Foto: Anna Ullrich